

Eines der Länder, welches ich unbedingt früher als später besuchen wollte, war Kuba. Neben Nordkorea gehört Kuba zu den Ländern, wo die Dinge anders zu funktionieren scheinen als im Rest der Welt. Doch was ist dran, an all den Geschichten und Mythen, die sich um Kuba ranken?
Von Cancún brachen wir in das mit dem Flugzeug rund 1h entfernte Havanna auf. Am Flughafen angekommen wurde uns sofort besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wir nahmen unsere Rucksäcke vom Band und konnten deutlich erkennen, dass beide nach der Abgabe in Cancún geöffnet wurden. Da wir nichts zu verbergen hatten und augenscheinlich nichts fehlte, gingen wir zur Passkontrolle. Kaum hatten wir uns eingereiht, sprach uns eine Flughafenbeamtin an und stellte Fragen. „Woher kommen Sie?“, „Welche Länder haben Sie bereist?“, „In welche kubanischen Orte wollen Sie reisen?“, … Obwohl wir die Fragen wahrheitsgemäß und unverfänglich beantworteten, wurden wir aufgefordert der Frau für ein ausgedehntes Interview zu folgen. Neben den bereits gestellten Fragen, mussten wir ebenfalls Auskunft über Ausbildung (Hochschule, Jahrgang, Fachbereich), verfügbares Bargeld, Anzahl an der Kreditkarten und Motivation der Reise Auskunft geben. Alles wurde schriftlich festgehalten. Bis heute wissen wir nicht, warum ausgerechnet wir zielgerichtet herausgefischt wurden und was mit den Informationen gemacht wurde. Aber wir bekamen einen Stempel in den Pass. Hallo Sozialismus!
Am Ausgang wartete bereits unser Chauffeur, der uns mit Namensschild empfing. Er sollte uns zu unserer ersten Unterkunft bringen. Selten war ich in den ersten Minuten in einem neuen Land so euphorisch wie auf Kuba. Die Straßen glichen einem Hollywood Filmset für einen Film der 50er Jahre – überall fuhren alte Chevrolets, Fords, Buicks und Pontiacs. Diesen Mythos konnte ich damit bereits bestätigen: es gibt sie wirklich, die ganzen Oldtimer. Wobei man fairerweise sagen muss, dass die Ami-Schlitten nur etwa 30% des Straßenbildes ausmachen. Weitere 40% gehen auf Fahrzeuge sowjetischer Herkunft, allen voran Ladas in unterschiedlichen Varianten, aber auch viele Motorräder von MZ oder Java. Die restlichen Fahrzeuge sind neuere Modelle aus Japan, Indien oder Südkorea bzw. irgendetwas selbst zusammengeschweißtes, wo sich die Herkunft nicht mehr feststellen lässt.
Neben den historischen Fahrzeugen überraschte auch die Architektur bzw. das, was noch davon übrig war. Leerstehende Fabrikhallen, verlassene Bahnhöfe und zusammengefallene Häuser brauchte man nicht suchen – sie waren stets im Sichtfeld. Der Großteil Havannas glich einer Ruine. Hätte man uns erzählt, dass hier bis vor kurzem Krieg herrschte, hätte ich das nicht hinterfragt. Umso schockierender, dass in vielen der vermeintlich Trümmerhaufen tatsächlich noch Familien leben. Ab und an sahen wir Baugerüste an den Häusern. Die Pflanzen, die diese jedoch umringten, zeugten davon, dass diese wohl schon einige Jahre dort standen – vermutlich, um einfach nur die maroden Mauern zu stützen.
Wer nach Kuba kommt kann zwischen zwei Arten von Unterkünften wählen: entweder geht man in eines der teuren Hotels oder man schläft in sog. Casas Particulares. Letztere sind Privatpensionen, die von kubanischen Familien geführt werden, die eine explizite staatliche Genehmigung erhalten haben, ausländische Touristen zu beherbergen. Wir entschieden uns für letzteres. Als wir in unserem Casa ankamen, wurden wir von Susanna begrüßt. Auf einer Karte zeigte sie uns die wichtigsten Orte Havannas und gab uns einige wichtige Verhaltensregeln mit auf den Weg. Ganz oben stand dabei: „Keine Zigarren auf der Straße kaufen!“. Aber davor wurden wir auch schon dringlichst in unserem Reiseführer gewarnt.
Nach einem überraschend ausgiebigen Frühstück in einem Eck-Café stürzten wir uns in die Innenstadt Havannas. An jeder Ecke, an der wir stoppten, wurden wir von Kubanern nach dem gleichen Muster angesprochen. Sie wollten wissen woher wir kommen, teilten uns daraufhin mit, dass Deutschland Weltmeister im Fußball ist und ließen und anschließend wissen, dass man Beziehungen zu Mitarbeitern aus der Tabakfabrik habe, wo man Zigarren ganz besonders günstig erwerben könne. Das waren sie also, die Schlepper, die auf der Straße gefälschte Zigarren an Touristen verkaufen wollen. Aber wir haben sie durchschaut! Ein paar Ecken weiter sprach uns erneut ein Kubaner an, ob wir bereits vom 50jährigen Jubiläum eines Musikclubs Havannas gehört hatten und dass anlässlich dieses Events der berühmte Buenavista Social Club spielen sollte. Wir verneinten und fragten nach weiteren Informationen. Wir hielten dies für eine gute Gelegenheit die Band live zu sehen und fragten ihn, ob er uns zeigen kann, wo man die Karten dafür kaufen könne. Wenig später standen wir in einem schönen alten Gebäude und hielten zwei Karten für den 01.01.2016 für je 30 CUC (1 CUC entspricht 1 USD) in der Hand. Drei Mojitos pro Kopf inklusive – wir Glückspilze! Wir redeten eine Weile mit unserem neugewonnenen kubanischen Freund über Gott und die Welt. Vertrauensvoll (oder naiv) wie wir waren, glaubten wir ihm seine Geschichte, dass nur 2-3 Straßen weiter eine Art Werksverkauf der Zigarrenfabrik stattfindet, wo man günstig an originale Zigarren kommt. Ehe wir uns versahen fanden wir uns umzingelt von weiteren Kubanern in einem Hinterzimmer wieder, wo man uns jede Menge Zigarren zu angeblich unschlagbaren Preisen offerierte. Verdammt! Jetzt waren wir doch hereingetappt in die Touristenfalle. Was nun? Die Stimmung war mittlerweile weniger gelassen und wir wussten, dass wir den Raum nicht verlassen konnten ohne mindestens eine Schachtel gefälschter Zigarren im Rucksack zu haben. Und so kauften wir die kleinste verfügbare Box mit drei „Romeo & Julietta“ Zigarren für 30 CUC. Shit! Obwohl wir uns einerseits darüber ärgerten, dass wir so dreist abgezogen wurden, verbuchten wir den „Ausflug“ als Erfahrung und gute Story.
Weiter ging es ins Barrio Chino (engl. Chinatown). Das merkwürdige daran war nur, dass wir hier keine Chinesen zu Gesicht bekamen. Auch das bunte Treiben und Street Food, das man aus anderen Chinatowns kennt, suchte man hier vergebens. Was war passiert? Dem Reiseführer konnten wir entnehmen, dass die Chinesen, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Kuba gekommen waren, nach der Revolution das Weite suchten. Schließlich sind sie nicht nach Kuba gekommen, um hier im Sozialismus zu leben. Die kubanische Regierung dachte jedoch, dass ein eigenes Chinatown gut bei den Touristen ankommen würde und errichte daher einige Restaurants mit allerlei Drachen, Winkekatzen und anderem chinesischen Schnickschnack. Vor den Restaurants versuchten Kubaner erfolglos Gäste zum Einkehren zu bewegen.
Weiter ging es über den Malecón, der berühmten und wirklich schönen Uferpromenade Havannas, zurück in die Altstadt. Je näher man dieser kam, desto mehr europäische und amerikanische Touristen bekam man zu sehen, die die Kreuzfahrtschiffe am Hafen der Stadt ausgespuckt hatten. Obwohl Amerikaner offiziell nicht bzw. nur unter bestimmten Voraussetzungen nach Kuba kommen dürfen, traf man diese sehr häufig an – oder erkannte sie schon von weitem an ihrem ignoranten Verhalten. Der Mythos der amerikanerfreien Zone war damit auch zerstört. Nichtsdestotrotz schauten wir uns die wunderschön hergerichtete Altstadt an. Beim Betreten des Plaza Viaja wurde Linnart prompt von zwei Kubanerinnen umgarnt, die in landestypischer Tracht für Fotos zur Verfügung standen – gegen ein gewisses Entgelt natürlich. Wir dachten, den Spaß ist es wert und so machte ich ein paar Fotos von Linnart und den Mädels. Und zack steckten wir schon wieder drinnen – in der Touristenfalle! Da man auf Wechselgeld nicht hoffen brauchte, gab ich der einen das kleinste was ich anbieten konnte: 5 CUC. Zu unserem Pech hatten die beiden die Situation so geschickt gestaltet, dass Linnart der anderen Frau ebenfalls 5 CUC gab, ohne mitzubekommen, dass ich bereits gezahlt hatte. Verdammte 10 CUC für ein lausiges Foto. Zum zweiten Mal wurden wir innerhalb von einem Tag ordentlich abgezogen. Wir waren aber auch naiv! Zum Vergleich: ein Arzt hat ein monatliches (!) Einkommen von 30-40 CUC, abhängig von seiner Berufserfahrung.
Für die nächsten Tage nahmen wir uns vor, nicht in weitere Fallen zu tappen. Als Kontrastprogramm wollten wir uns ein Eis in der legendären Eisdiele „Coppelia“ im schickeren Teil der Stadt gönnen. Der Architekturstil des Baus erinnerte an Gebäude, wie es auch an der Ostsee zu Zeiten der DDR hätte stehen können – jede Menge Beton und jeglicher Verzicht auf Innendeko. Schließlich stand ja auch das Eis im Vordergrund. Also blickten wir auf die Aushängetafel der Eissorten. Heute gab es Vanille. NUR Vanille! Die Eisdiele hatte zwei Verkaufspunkte: für Einheimische und Touristen. An dem Touristenstand hätte man sein Vanilleeis ohne zu warten für 1 CUC pro Kugel bekommen können. Wir entschieden uns aber für die „eat-like-the-locals“ Variante und stellten uns geduldig an. Etwa 40min später wies man uns einen Hocker am Tresen zu. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur noch 2 CUC in der Tasche. Um nicht die Rechnung zu sprengen, bestellten wir konservativ zwei Kugeln pro Person. Während wir unser Eis schleckten, konnten wir beobachten, wie die Eisverkäuferin unter der Hand eine größere Menge Eis an eine Frau verkaufte und dafür wertvolles Touristengeld bekam – am Staat vorbei versteht sich. Als wir dann nach der Rechnung fragten, folgte die Überraschung. Wir zahlten pro subventionierte Kugel lächerliche 4ct, d.h. 1/25 des Touristenpreises. Sozialismus von seiner besten Seite – das Warten wurde belohnt.
Es war übrigens Silvester und wir überlegten uns, wo wir wohl am besten in das neue Jahr starten könnten. Auch auf Empfehlung eines Taxisfahrers entschieden wir uns für den Malecón, immerhin ist das DIE Straße schlechthin. Fast hätten wir den Jahreswechsel verschlafen, aber wir schafften es doch noch rechtzeitig vor Mitternacht. Aus den Häusern dröhnte Reggaeton, auf der Straße herrschte gähnende Leere. Wir vermuteten, dass die Leute bereits alle auf dem Malecón waren und uns dort ein Fest ähnlich dem des Brandenburger Tores erwarten würde – nur ohne Helene Fischer. Dort angekommen ebenfalls Ernüchterung. Außer ein paar anderen Touristen und Prostituierten, die die Nacht nicht alleine verbringen wollten, war hier nichts los. Am Automaten holten wir uns zwei Bier, prosteten auf das neue Jahr und gingen nach Hause. Keine einzige Rakete war am Himmel über Havanna zu sehen. Nur der Verkehr war für wenige Minuten zum Erliegen gekommen. Happy 2016!
Zugegebenermaßen war der Start ins neue Jahr etwas trist. Aber immerhin waren wir in Havanna und wir hatten für den Abend Karten für den Buenavista Social Club. Kein Grund traurig zu sein. Während des Tages wollten wir uns eigentlich noch einige Sehenswürdigkeiten Havannas anschauen. Doch dann durstete es uns plötzlich nach Mojito. Es war 11 Uhr morgens und wir saßen in einer Bar im Herzen von Havanna. Zu uns gesellte sich Melissa, eine Amerikanerin, die sich ein Bier bestellte. Wir kamen ins Gespräch und etliche Mojitos später begaben wir uns kurz vor 21 Uhr von der Bar zum Konzerthaus. Obwohl wir nur zwei Karten hatten, gelang es uns, Melissa in das Konzert zu schleusen. Als die Band anfing zu spielen bestätigte sich unser Verdacht, dass auch dieses Event wieder nur eine Touristenfalle war. Natürlich spielte der echte Buenavista Social Club NICHT. Dieser verdammte Gauner! Wir bestellten jeweils unsere drei Mojitos, rauchten dazu unsere gefälschte Zigarre und lauschten der falschen Band. Die Tatsache, dass Melissa ohne Ticket trotzdem zu ihren Mojitos kam, sahen wir als kleinen Teilerfolg im Kampf gegen die hinterlistigen Kubaner. Darüber hinaus gaben wir ihr für die Nacht Asyl in unserer Casa, ohne dass sie etwas dafür bezahlen musste – das war unsere Art zurückzuschlagen!
Nach ein paar aufreibenden Tagen in Havanna ging es für uns weiter in das ländliche Viñales im Westen der Insel – die Tabakanbauregion schlecht hin. Die dreistündige Fahrt bestritten wir auf der Sitzbank eines schwarzen 1955er Pontiacs. Das ist Kuba! Unsere Unterkunft hatte die Casa-Besitzerin aus Havanna organisiert. Es war ein farbenfrohes Haus mit zwei Schaukelstühlen auf der Veranda. Genauso, wie es der Lonely Planet vorausgesagt hatte. Aber generell bestand der komplette Ort nur aus solchen Casas. Dementsprechend hoch war die Dichte an Touristen. Und Lonely Planets.
Für den nächsten Tag hatten wir eine Fahrradtour geplant. Unsere neue Casa-Mutti hatte uns zwei Bikes organisiert. Frohen Mutes radelten wir los. Erstes Ziel war eine große bemalte Felswand, die prähistorische Motive zeigte. Wer sich jedoch fragt, wie die Ureinwohner Kubas diese Wand wohl bemalt hatten, wird auf der Suche nach der Antwort enttäuscht. Das „Kunstwerk“ wurde in den 1960er Jahren angefertigt, um der Region ein Ausflugsziel zu schenken und wird seit dem regelmäßig aufgefrischt. Hätte ich es doch bloß nicht hinterfragt.
Etwas weiter trafen wir auf einen Aussichtspunkt, von dem aus man einen wunderbaren Blick über das Tal hatte. Mit einer Kokosnuss in der Hand verweilten wir dort ein wenig, bevor wir unsere Tour durch die Tabakfarmen fortsetzten. An einer der Farmen kam uns eine Frau ganz aufgeregt entgegengerannt und fragte uns, ob wir daran interessiert wären, zu sehen, wie hier auf dem Land Tabak verarbeitet und Zigarren gerollte werden. Wir willigten ein. Wenig später fanden wir uns an ihrem Küchentisch wieder. Sie servierte uns organischen Kaffee und breitete einen Sack getrockneter Tabakblätter vor uns aus. Sie erklärte uns den aufwendigen Trocknungs- und Fermentationsprozess der Blätter. Anschließend nahm sie ein paar dieser Blätter, rollte diese zu einer Zigarre zusammen und zündete sie uns an. Wir alte kubanische Landstreicher pafften wir die Zigarre weg. Natürlich kamen wir auch nicht um den Kauf weiterer Zigarren herum. Aber hey, wie oft raucht man schon eine selbstgerollte Zigarre auf einer kubanischen Tabakfarm?
Weiter ging es über Stock und Stein zu einem auf einem Berg gelegenen Hotel, von dem aus man ebenfalls eine spektakuläre Aussicht auf das Tal haben soll. Allerdings fielen wir dieses Mal der Materialermüdung der Bikes zum Opfer. Linnart büßte ein Pedal ein und ich musste die Fahrt auf der Felge meines Vorderrads fortsetzen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch keine 10km unterwegs. Dennoch erreichten wir das Hotel und genossen die Aussicht. Damit war aber auch die Tour beendet. Mehr schlecht als recht schafften wir es mit unseren Bikes zurück in unsere Casa. Den Abend verbrachten wir dann in den Schaukelstühlen auf unserer pinken Veranda und rauchten die neuerworbenen Landzigarren zu einer Flasche Wein.
Nach dem Flop mit den Bikes entschlossen wir uns den nächsten Tag zu Fuß zu bestreiten. Erneut ging es durch die Tabakfelder rund um Viñales. Plötzlich einsetzender Regen zwang uns jedoch zu einer Bierpause auf einer der Fincas. Da der Regen nicht weniger wurde, nutzen wir den restlichen Tag dafür, Mojitos in diversen Restaurants der Stadt zu trinken. Und wieder verbrachten wir den letzten Tag an einem Ort damit Kubas Rumwirtschaft anzukurbeln.
Nach ein paar Tagen auf dem Land wollten wir die Strände Kubas erkunden. Das nächste Ziel sollte die Schweinebucht sein. Fahrtzeit: 6h! Als uns das Taxi abholte, waren wir erleichtert, dass es dieses Mal kein lauter und nach Diesel stinkender Amischlitten war, sondern ein VW Jetta aus den 80ern. Selten hatte ich mich so gefreut einen alten Jetta zu sehen. Das Interieur erinnerte mich an meinen 2er Golf und ich fühlte mich geborgen.
Pünktlich erreichten wir die Schweinebucht. Eine Unterkunft hatten wir nicht. Der Taxifahrer schwärmte uns jedoch während der Fahrt von schönen Casas mit direktem Strandzugang vor. Also forderten wir ihn heraus uns genau solch ein Haus zu suchen. Wenig später hieß uns ein dickbäuchiger Mann in seinem Haus willkommen – mit direktem Strandzugang. Der Fahrer hatte uns nicht zu viel versprochen. Nachdem die Formalitäten erledigt waren, fragte er uns, was wir zum Abend essen wollen. Auf seiner „Speisekarte“ standen Hummer und Krokodil. Krokodil auf Kuba? Wir fragten ihn, wie er denn zu Krokodilfleisch käme. Daraufhin zeigte er uns auf eindrucksvolle Weise, wie er in seinen nächtlichen Streifzügen durch den Dschungel auf Krokodiljagd geht. Schwer vorstellbar bei einem Mann, der so dick ist, dass er nicht einmal den Boden mit seinen Händen erreichen konnte. Aber egal, es war unterhaltsam und geschmeckt hat das Krokodil auch.
Den nächsten Tag starteten wir mit einem Schnorchelausflug. Linnart, der noch nie zuvor geschnorchelt war, stellte sich der Herausforderung und stürzte sich in die Wellen. Zu seinem Pech war die See an diesem Tag sehr unruhig, was dazu führte, dass er wenige Fische sah, dafür aber umso mehr Salzwasser trank. Dieses musste anschließend mit einigen Mojitos aus dem Körper extrahiert werden – ein altes kubanisches Hausmittel. Und wie die Dinge dann so ihren Lauf nahmen, verbrachten wir auch unseren letzten Tag an der Schweinebucht damit, jede Menge Mojitos am Strand zu trinken. Zum Abend kredenzte uns unser Crocodile Hunter jedoch noch einen vorzüglichen Hummer. Die kubanische Küche ist gar nicht so schlecht, wie ich vorher mehrfach gehört hatte.
Da wir nun auch die Schweinbucht mit ausgiebig Mojitos gebührend verabschiedet hatten, konnten wir uns bedenkenlos auf den Weg nach Trinidad machen – der angeblich schönsten Stadt Kubas und Weltkulturerbe der UNESCO. Die Fahrt dorthin meisterten wir wieder in einem alten, stinkenden Chevrolet mit dröhnendem Reggaeton. Natürlich hatten wir auch hier wieder keine Unterkunft gebucht, sondern schauten einfach mal, was auf uns zukommen würde, sobald wir in der Stadt ankommen. Der Motor des Taxis war noch nicht einmal aus, da hingen wir schon am Haken eines Schleppers, der uns eine traumhafte Unterkunft vermitteln wollte. Da wir eh keine Unterkunft hatten, ließen wir es auf uns zukommen und folgten ihm. Als wir das Haus erreichten, führte man uns in das Zimmer, welches hässlicher nicht hätte sein können. Keine Fenster, muffiger Geruch und pinke mit Perlen bestickte Seidenüberzüge für die Betten. Wir stellten die Rucksäcke ab und schlenderten durch die Straßen Trinidads. An einem Casa hing ein Zettel, dass es noch freie Zimmer gäbe. Wir gingen hinein und fanden eine wirklich traumhafte Unterkunft vor. Ein großer, heller Raum mit eigener Dachterrasse und Blick über Trinidad. Erst jetzt wurde uns klar, in was für einem Loch wir eigentlich gelandet waren. Ohne zu zögern machten wir die Unterkunft klar und verließen das andere Haus auf die polnische Weise.
Ein absolutes Highlight in Trinidad ist eine alte Diesellok, mit der man wie im Wilden Westen in Holzwaggons über waghalsige Brückenkonstruktionen durch das kubanische Hinterland fährt. Wir stoppten in einem kleinen Ort, wo wir die einmalige Gelegenheit hatten an einen der unzähligen Stände handgeknüpfte Tischdecken zu erwerben. Wir lehnten dankend ab. Wirklich spannend war jedoch das Treiben rund um die Bodega zu beobachten. Dies ist der Ort, wo die Einheimischen ihre Monatsration an Essen gegen Vorlage der sog. Libreta (ein Art Bezugsbüchlein mit Lebensmittelkarten) erhalten. Mehrere Dutzend Kubaner warteten mit leeren Plastikflaschen auf den lokalen Milchbauern, der wenig später in seiner Pferdekutsche vorfuhr, um mehrere Kannen Milch abzuliefern. Eine Dame befüllte anschließend die Flaschen der Bevölkerung mit Milch. Nach gut einer halben Stunde war das Spektakel vorbei und die Leute schwärmten wieder in alle Himmelsrichtungen aus. Einige Personen hielten noch immer leere Plastikflaschen in ihren Händen. Sie hatten heute kein Glück. Wahrscheinlich bedeutet dies wieder eine Woche warten, bis die nächste Milchkutsche vorbeikommt. Für uns war es der authentischste und zugleich erschreckendste Moment während unserer Zeit auf Kuba. Hier wurde erst sichtbar, wie einfach und eingeschränkt die Einheimischen leben müssen.
Da wir wohl etwas Falsches gegessen hatten und daher nur bedingt fit für größere Aktivitäten waren, verbrachten wir den letzten Tag am Strand ca. 15km südlich von Trinidad – selbstverständlich mit ausreichend Mojitos. Der Großteil der Touristen hier war pauschal in einem der Resorts untergebracht und genoss das All-Inclusive-Angebot am Strand. Dies ist das andere Kuba, was jedoch leider den meisten Touristen als Bild von Kuba in Erinnerung bleiben wird. Mit den Lebensbedingungen der Kubaner hat das jedoch nichts zu tun.
So aufregend, spannend und interessant die Zeit auf Kuba auch war, als wir in Cancún (Mexiko) landeten, waren wir tatsächlich erleichtert und fühlten uns erlöst. Dennoch würde ich jedem empfehlen nach Kuba zu reisen, allerdings nur mit ausreichender Vorbereitung, um zu verstehen und akzeptieren, warum die Dinge so sind wie sie sind.
Besonders spannend war außerdem die Erfahrung, über zwei Wochen komplett offline zu reisen. Im Laufe meiner Reise war ich schon des Öfteren für längere Zeit offline. Meist war dies aber im Rahmen von längeren Treks oder während des Aufenthalts im Dschungel, wo keine Organisation mehr nötig war. Auf Kuba bekam man jedoch einen Eindruck davon, wie das Reisen vor dem Internetzeitalter funktioniert haben muss, denn nicht nur ich, sondern auch alle anderen Reisenden saßen im selben Boot. Keine Ablenkung von Sozialen Medien, keine Beeinflussung von Reviews in Reiseportalen, kein Fakten googlen, keine News-Feeds & Notifications, … dafür umso mehr Zeit für soziale Interaktion im Real Life. Und irgendwie verlieren in diesem Kontext auch Selfie-Sticks endlich ihre Daseinsberechtigung. Wer postet schon ein zwei Wochen altes Selfie auf Facebook? Obwohl, wer weiß…