Mes once – El Día de los Muertos

Auf meiner gesamten Reise hatte ich eigentlich keine Termine. Bis auf einen: El Día de los Muertos am 1. November in México. Der Bulli und ich waren drei Tage vor der Deadline jedoch noch immer in Kolumbien.

Atlixco

Zum ersten Mal hörte ich in meinem Spanischunterricht von den Feierlichkeiten des Día de los Muertos (dt. Tag der Toten). Das muss so in der zehnten Klasse gewesen sein. Im Gegensatz zu vielen anderen Dingen, die ich zu dieser Zeit in der Schule gelernt hatte, brannte sich diese Tradition in mein Gedächtnis ein – warum auch immer. Meinen zweiten Kontakt mit diesem Festival hatte ich knapp zehn Jahre später, als ich geschäftlich nach México City musste und der Termin auf genau diesen Zeitraum fiel. Ohne großartige Erwartungen aufbauen zu können, steckte ich damals plötzlich inmitten der Feierlichkeiten und war umringt von Skeletten und Totenaltären. Das Fest ist alles andere als eine Trauerveranstaltung, sondern ein farbenprächtiges Volksfest zu Ehren der Toten. Ich war überwältigt von all diesen Eindrücken und beschloss, dass ich wiederkommen muss. Unter anderen Umständen.

Und so definierte ich den 1. November als einzigen Meilenstein meiner Reise. Meinem deutschen Pflichtbewusstsein folgend konnte ich dieser Verpflichtung, die ich mit mir selbst eingegangen war, nicht absagen. Die Schönheit Südamerikas und die Gemütlichkeit des Bullis machten die Termineinhaltung jedoch zu einer Challenge. Ein weiteres Problem war die fehlende Straßenverbindung zwischen Kolumbien (Südamerika) und Panama (Mittelamerika). Der Fährbetrieb wurde bereits im Mai 2015 eingestellt. So blieb nur noch die Verschiffung in einem Container als einzige Option. Dies ist jedoch zeit- und kostenintensiv. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass ich mit Kolumbien noch nicht abgeschlossen hatte und mehr Zeit hier verbringen wollte. Schlussendlich bestand die Lösung des Dilemmas darin, den Bulli schweren Herzens in Kolumbien zurückzulassen und solo nach Mexiko zu fliegen.

Das Ziel war ein kleiner Ort namens Atlixco in der Nähe von Puebla, wo derzeit Bettina und Enrico aus Torgau leben, um VW ihren Dienst zu erweisen. Die beiden gaben mir freundlicherweise für eine Woche Asyl. Dass ich nach sieben Monaten im Bulli lebend plötzlich in einer Villa (samt Hausdame und Gärtner) auf einem Golf & Country Club wohne, war nicht der einzige Kulturschock in Mexiko. Bereits auf dem Flughafen Cancún folgte die erste Konfrontation mit der westlichen Konsumwelt während meines Transits. Übergewichtige US-Amerikaner, die nicht in die Flughafensitze passen aber weiterhin Pommes in sich reinstopfen, Supersize Menüs amerikanischer Fastfood-Ketten, Harley Davidson Stores und Apple Watches sind nur einige der Dinge, die mir überflüssig erschienen aber dennoch so symbolisch für unsere westliche Kultur stehen. Als ich am Folgetag zum ersten Mal in meinem Leben einen Walmart betrat, kam ich mir vor wie im Schlaraffenland. Es gab wirklich nichts, was es nicht gab. Und es gab Ben & Jerry’s Ice Cream – das lange Warten hatte ein Ende!

Mittlerweile war das Festwochenende angebrochen und so begaben wir uns in das Stadtzentrum. Zunächst besuchten wir den Wochenmarkt, auf dem jede Menge Tacos, Gewürze, Früchte, Insekten und Chiliarten offeriert wurden. Zudem boten die Einheimischen unzählige Varianten an Süßigkeiten an, die in irgendeiner Weise mit dem Tod in Verbindung stehen – Gräber, Schädel, Kürbisse, etc. Obwohl ich bereits auf so vielen Märkten in Südamerika war, gab es hier immer noch eine Vielzahl neuer Lebensmittel und Gerüche zu entdecken. Anschließend gingen wir zum Zócalo, dem zentralen Platz jeder mexikanischen Stadt, um die farbenfrohen und aufwendig gestalteten Installationen und Altäre für den Día de los Muertos zu begutachten. Diese hatten mich bereits im Vorjahr in ihrer Kreativität und Detailliebe stark beeindruckt.

Das gesamte Wochenende stand dann im Zeichen der Toten. Wir besuchten ein Theaterstück auf einem Friedhof, bei dem der Hintergrund des Día de los Muertos erklärt wurde. Nach altmexikanischem Glauben kommen die Toten einmal im Jahr zum Ende der Erntezeit zu Besuch aus dem Jenseits und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen mit Musik, Tanz und gutem Essen. Vor allem den Kindern wurde der Tod als Teil des Lebens nähergebracht und dass bereits die Azteken den Tod nicht als Ende, sondern als Anfang neuen Lebens verstanden hatten. Weiterhin schauten wir uns auf einem Friedhof um und bestaunten das Meer an farbenfrohen Blumen. Die leuchtend orangefarbene Flor de Muertos (dt. Blume der Toten) wird zusammen mit Ringelblumen und gelben Chrysanthemen als Empfangsteppich und Wegweiser für die Verstorbenen vom Haus bis zum Friedhof ausgelegt, damit diese sicher zum Familienfest finden. Man glaubt, dass Verstorbene die Farben Orange und Gelb am besten erkennen können. Ein froher Festumzug durch Atlixco stellte den Höhepunkt der Festlichkeiten dar. Zu diesem Zeitpunkt waren dann auch wirklich alle Kinder und ein Großteil der Erwachsenen nach den typischen Motiven geschminkt und verkleidet. Nun stach man als Gringo noch mehr aus der Menge hervor. Alles in allem hatte es sich auf jeden Fall gelohnt für das Wochenende nach Mexiko zu fliegen.

 

Tulum

Eigentlich wollte ich gar nicht nach Tulum. Die Idee war noch etwas Zeit in Cancún zu verbringen, bevor ich für die Weihnachtstage nach Deutschland fliegen wollte. Auf dem Papier hat Cancún eine Menge zu bieten. In Realität ist es aber eine hässliche Touristenstadt mit vielen US-Amerikanern, die hier ein Partywochenende oder All-Inclusive-Urlaub verbringen wollen. Dauerregen wertete die Stadt dabei nicht unbedingt auf. Also beschloss ich kurzerhand in das 2h südlicher gelegene Tulum zu fahren. Der Ort soll deutlich schöner sein und ist außerdem berühmt berüchtigt für seine vielen Cenoten, die fantastisch zum Tauchen sein sollen. Mein erster Weg führte also in ein Dive Center, um ein paar Tauchgänge klarzumachen.

Eine Cenote ist laut Definition „ein dolinenartiges Kalksteinloch, das durch den Einsturz einer Höhlendecke entstanden und mit Süßwasser gefüllt ist.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Cenote) Über 1.000 solcher Löcher gibt es auf der Yucatán-Halbinsel. Man vermutet außerdem, dass viele Löcher aufgrund der Dichte des Dschungels noch gar nicht entdeckt sind. Forscher gehen davon aus, dass die Länge der Unterwasserhöhlensysteme mehr als 1.000km beträgt. So viel zur Theorie. Jetzt wollte ich in diese Unterwasserwelt eintauchen!

Gebucht waren sechs Tauchgänge und jeder war auf seine eigene Art und Weise besonders, sodass ich gar nicht sagen kann, welcher davon der beste war. In der Cenote Angelita befand sich auf 40m Tiefe eine 2m dicke, undurchsichtige Wolke, die sich aus dem Fermentierungsprozess der mit dem Einsturz heruntergefallenen Bäume gebildet hatte. Die Casa Cenote hingegen war vor allem deshalb so speziell, weil sich aufgrund der Nähe zum Ozean Salz- und Süßwasser vermischen, was als sog. Halokline bezeichnet wird und zu merkwürdigen visuellen Effekten führt. Es ist schwer zu beschreiben aber es war ein einmaliges Erlebnis, nicht zuletzt durch die vielen verschiedenen Farben, die das Wasser aufgrund der Vegetation und Sonneneinstrahlung hatte. Tripping ohne Drogen. Absolutes Highlight war dann aber doch die Pit Cenote. Eine tiefe und riesige Unterwasserhöhle mit glasklarem Wasser und Stalaktiten, die von der Decke ragen. Die von oben eintreffenden Sonnenstrahlen sorgen für ein atemberaubendes Lichtspiel. In diesem riesigen Raum wirken die Taucher mit ihren Taschenlampen wie kleine, leuchtende Fischlein, die wirr umherirren. Die Tauchgänge waren die wohl schönsten meiner bisherigen Taucherkarriere.

Quelle: http://ngm.nationalgeographic.com/

Quelle: http://ngm.nationalgeographic.com/

Neben den Cenoten ist Tulum aber hauptsächlich durch seine namensgebenden Maya Ruinen bekannt geworden. Die alte Stadt liegt direkt am türkisblauen Meer inmitten von Palmen. Viele der alten Tempel- und Wohnanlagen sind noch sehr gut erhalten. Noch dazu hat Tulum wahnsinnig gute Cafés und Restaurants zu bieten. Definitiv ein Ort, den ich guten Gewissens empfehlen kann und der mir in bester Erinnerung bleiben wird. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich nicht zum letzten Mal dort gewesen bin…

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