

Nachdem ich mit dem Bulli rund sieben Monate in den Anden unterwegs war, rückte die Karibik nun in greifbare Nähe. Mit einer neuen Crew an Bord konnte die vorerst letzte Etappe beginnen.
Und so verließen wir La Pacha zu viert. Die beiden Schwestern, Aubrie und Dayci, haben während meines Aufenthalts auf der Farm als Freiwillige gearbeitet und so verbrachten wir bereits eine Menge Zeit zusammen. Susanne hatte ich einst – noch ohne Bulli – in einem Hostel in Patagonien kennengelernt. Wir blieben in Kontakt und einigten uns darauf eines Tages zusammen mit dem Bulli einen Trip zu machen. Und nun war die Zeit gekommen.
Während Dayci im Wohnbereich des Bullis Gitarre spielte, fuhr ich durch die letzten Ausläufer der Anden der Küste entgegen. Planmäßig sollte der Trip drei Tage dauern. Wieder im Flachland angekommen wurden das Klima tropischer und die Straßen gerader. Die Zeit der endlosen Serpentinen war endlich vorbei – Schonprogramm für den Bulli. Doch dann passierte das, was ich so lange befürchtete hatte. Mittlerweile hatte Aubrie das Steuer übernommen und während wir in einen Ort einfuhren riss uns das Kupplungsseil unter dem Hinter auseinander. Kurze Panik bei den Mädels, aber ich hatte für diesen Fall vorgesorgt. Da ich das Kupplungsspiel bereits öfter anpassen musste, wusste ich, dass es wohl nicht mehr lange dauern würde bis es reißt. Mit Gorm, Fahrer des blauen T2, hatte ich erst kurz vorher darüber gesprochen und es stellte sich heraus, dass er dasselbe Problem hatte und wusste wie man das Seil wechselt.
Das Ersatzteil und entsprechendes Werkzeug hatte ich dabei, also wollte ich das Seil an Ort und Stelle wechseln. Die Mädels kümmerten sich derweil um kalte Erfrischungsgetränke und hielten mir neugierige Schaulustige vom Hals, die natürlich alle einen guten Rat parat hatten. Dayci legte ebenfalls mit Hand an und so hatten wir das Kupplungsseil kurz vor Sonnenuntergang gewechselt. Nachdem die Kupplung wieder richtig eingestellt war machten wir eine erste Probefahrt. Der erste Gang stotterte wie verrückt und Anfahren war damit unmöglich. Mittlerweile waren wir umzingelt von schwerbewaffneten Polizisten, die sich nach unserem Zustand und dem des Autos erkundigten. Sie meinten, wir können hier aus Sicherheitsgründen auf keinen Fall bleiben und sollten uns in den nächsten Ort abschleppen lassen. Ich probierte das Anfahren im zweiten Gang und es ging – sehr gut! Mehr schlecht als recht tuckerten wir mit eigener Kraft in den nächsten Ort und suchten eine geeignete Unterkunft.
Dort angekommen versuchte ich eine Lösung des Problems zu ergooglen. Doch die Recherche blieb erfolglos. Eine sachkundige Werkstatt gab es nicht und da wir nur noch rund 250km von der Küste entfernt waren, blieben wir bei der Taktik mit dem zweiten Gang. In den größeren Städten an der Küste malte ich mir höhere Chancen aus einen geeigneten Mechaniker zu finden. Während des ganzen Chaos mit dem Bus feierten wir auch Daycis Geburtstags mit schäbigen Keksen und Muffins in einer noch schäbigeren Unterkunft. Ein Geburtstag, der wohl in Erinnerung bleiben wird!
Während der Fahrt an die Küste übertrug sich das Problem jedoch auch auf den zweiten Gang und es musste im dritten Gang angefahren werden. Es fühlte sich jedes Mal grausam an, aber da mussten wir jetzt durch. Und so erreichten wir dann am frühen Nachmittag endlich die Karibikküste. Wir waren erleichtert, dass wir es trotz der nicht funktionierenden Kupplung geschafft hatten. Doch die Erleichterung hielt nur kurz an, denn all meine Gedanken drehten sich darum, wie ich die Kupplung wohl wieder in Gang bekommen könne. Dennoch ließen wir es uns nicht nehmen Daycis Geburtstag am Abend mit Coke & Rum unter Palmen gebührend zu feiern.
Über verschiedene Kanäle versuchte ich Hilfe zu bekommen. So schilderte ich auch Gorm das Problem und fragte ihn um Rat. Während des Wechsels des Kupplungsseils ließ sich ein kurzer gekrümmter Schlauch nicht mehr einbauen, da das Ende des neuen Seils zu dick dafür war. Das Teil schien mir keine spezielle Funktion zu haben, außer evtl. das Seil vor dem Verschleiß zu schützen. Gorm gab mir jedoch den Tipp, die innere Ummantelung des Schlauchs mit der Zange zu entfernen, um so mehr Platz für das neue Seil zu schaffen. Also legte ich mich bei tropischer Hitze wieder unter den Bus und befolgte seinen Rat. Wenige Minuten später war der Schlauch verbaut und die Stunde der Wahrheit gekommen. Funktioniert der erste Gang? Geschmeidiger denn je! Yeah – Tausend Dank, Gorm! Jetzt konnte ich das Karibikfeeling vollends genießen und beruhigt in meiner Hängematte schlafen.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit der frisch reparierten Kupplung zu einem anderen Zeltplatz, der mir bereits mehrfach empfohlen wurde. Dort angekommen traf ich prompt auf bekannte Gesichter: Mike, Riss und Keira! Als ich den Mädels davon erzählte zogen sie sofort nach. Zwischenzeitlich hatten Mike und ich ausreichend Rum & Coke für die kommenden Abende organisiert. Wie schon auf La Pacha, ließ Mike es sich nehmen, uns alle mit köstlichem Curry zu bekochen. Doch auch sein Frühstück konnte sich sehen lassen: er servierte frische Pancakes mit Ahornsirup. Der Rest unserer Nomaden-Familie sammelte währenddessen die in der Nacht heruntergefallenen Kokosnüsse, um diese als Wakeup-Drink zu servieren. Es erforderte nur wenige beherzte Schläge mit der Machete, um an das wohltuende Kokoswasser zu gelangen. Ansonsten verliefen die Tage in der Karibik eher gediegen. Zwischen den Mahlzeiten schwammen wir um Meer oder bauten mit Keira Sandburgen. Ein hartes Leben also!
Nach ein paar schönen Tagen hieß es ein weiteres Mal Abschied nehmen – dieses Mal wohl für länger, weshalb dieser umso schwerer fiel. Mein Flug nach Mexiko stand an und ich musste den Bulli vorher noch sicher irgendwo in Barranquilla unterstellen. Das größere Problem war jedoch, den kolumbianischen Zoll davon zu überzeugen das Visum für den Bus zu verlängern, obwohl ich das Land für drei Monate verlassen werde. Also machte ich mich mit allen Papieren im Gepäck auf den Weg – allerdings den falschen Weg. Bei meiner ersten Station konnte man mir nicht weiterhelfen. Dafür bekam ich eine neue Adresse. Also wieder ins Taxi und ans andere Ende der Stadt – auch wieder falsch. Für solche Angelegenheiten war eine Zweigstelle außerhalb der Stadt zuständig. Gut, dass ich zeitig gestartet war. Dort angekommen erfuhr ich, dass ich zwar richtig sei, mein Fall aber ein Sonderfall sei (warum wunderte mich das nicht!?) und das Visum des Autos immer an den Besitzer gekoppelt sei. Nur wenn mein Visum verlängert wird, kann auch die entsprechende Aufenthaltsgenehmigung des Wagens verlängert werden. Auf Spanisch versuchte ich der Praktikantin die auf diesen Fall angesetzt wurde, zu erklären, warum ich das Land verlasse und der Bulli hierbleiben müsse. Langsam näherten wir uns dem Problem und ihre Vorgesetzte wurde ebenfalls involviert – aber erst nach der zweistündigen Mittagspause. Ich wartete geduldig. Da es für diesen Fall keinen nach deutscher Gründlichkeit definierten Prozess gab, musste ich alles noch einmal schriftlich festhalten und an den Zollpräsidenten adressieren. Auf Spanisch natürlich. Er ist letztendlich derjenige, der über Genehmigung und Abschiebung entscheiden würde. Aber was blieb mir anderes übrig. Ich tat was ich konnte, schickte die Unterlagen ab und setzte mich in den Flieger.
¡Hasta luego Colombia y viva la México!