Mes quatro – el Camino Inca

Nur wenige Stunden nachdem wir in Cuzco angekommen waren, erwarteten uns die Guides des famosen Inca Trails zum Briefing in ihrem Büro. Dort erfuhren wir, dass es bereits zwei Stunden später mit dem Bus in das Dorf der Porter (Träger) geht, die uns während des Trails begleiten werden. Dort sollten wir einen Eindruck davon bekommen, wie das Leben in einer typischen andinen Community abläuft. Zurück zum Auto, Sachen packen und los geht’s…

 

Porter Village

Nach 2h Busfahrt von Cuzco erreichen wir mitten in den Anden ein kleines Dorf. Asphaltierte Straßen gibt es hier nicht. Stattdessen kreuzen Schweine, Ochsen und Esel den Weg. An einem aus Lehmsteinen gebauten Hof hält der Bus – unser Lager für die kommende Nacht. Nachdem wir unsere Rucksäcke in die Zelte, die hinter dem Haus aufgebaut waren, gelegt hatten, führte uns die Tochter der Familie durch das Dorf und die angrenzenden Felder. Wir kamen pünktlich zur Erntezeit und es war wie eine Reise zurück ins vorige Jahrhundert. Aufgrund der Unzugänglichkeit der Felder wird die Feldarbeit ausschließlich von Hand bzw. mit tierischer Unterstützung durchgeführt. Erntemaschinen Fehlanzeige. Quadratmeter um Quadratmeter ernten die Dorfbewohner im Kollektiv ihre Quinoa- und Kartoffelerträge, welche sie auf den lokalen Märkten versuchen gewinnbringend zu verkaufen. Obwohl dieses Dorf äußerst abgeschieden von der Welt zu sein scheint, sind auch hier die Folgen der Globalisierung zu spüren. Während ein Kilogramm Quinoa vor einigen Jahren noch rund 20 USD gekostet hat, liegt der Preis mittlerweile bei unter 3 USD. Weiterhin erklärt uns die Tochter, dass die Community um ihre Ackerflächen fürchten muss, da die peruanische Regierung in dieser Region einen neuen internationalen Flughafen für Cuzco errichten will, da der bisherige bereits an seine Kapazitätsgrenzen stößt. Im gleichen Atemzug zeigt sie uns einige Kräuter, mit denen die Dorfbewohner ihre Krankheiten heilen – ein Krankenhaus gibt es nicht und eine Behandlung in der nächsten Stadt ist nicht finanzierbar. „Man hilft sich untereinander“, sagt sie, „wenn eine Familie ihr Feld nicht bestellen kann, so bekommen sie Nahrungsmittel von der Gemeinschaft“. Außerdem sei es üblich, dass Hochzeiten „groß“ gefeiert werden. Sowohl die gesamte Community als auch die umliegenden Dörfer sind selbstverständlich eingeladen. So kommt es, dass während der Hochzeitsfeiertage um die 40 Schweine verzehrt werden. Ein besonderer Anlass, denn ansonsten gibt es in den Familien nur max. 1 Mal pro Woche Fleisch zu essen.

Von den Feldern begleitete sie uns zur Schule. Etwa 15 Schüler aller Altersklassen warteten bereits auf uns. Sie wussten, dass die Touristen ein paar Goodies in ihren Taschen bereit halten würden. Süßigkeiten, Schreibblöcke, Bunt- und Filzstifte – für uns Gegenstände des täglichen Gebrauchs werden hier zu Luxusgütern deklariert. Playstation, Nintendo oder Facebook sind hier absolute Fremdwörter. Neugierig und voller Elan führten uns die Kinder zu ihren Tischen um uns ihre Malkünste vorzuführen. Zusammen malten wir ihre Lieblingstiere und beschrifteten diese in Spanisch, Englisch und Deutsch. Wir fragten sie nach ihren Berufswünschen und brachten ihnen weitere englische Vokabeln bei. Obwohl die Kinder unter ärmlichsten Bedingungen aufwachsen, strahlten sie eine ungeheure Lebensfreude aus.

Nach der Unterrichtsstunde machten wir uns auf den Weg zurück auf den Hof, auf dem unsere Zelte standen. Kurz bevor wir ankamen mussten wir den Weg jedoch für die Esel räumen, die völlig bepackt die Erträge des Tages zurück ins Dorf brachten. (Anmerkung von Damiano: Im Gegensatz zu den anderen Tieren haben die Esel ihren Weg selbständig gefunden und mussten nicht geführt werden.) Begleitet wurden sie von den Kindern der Familien, die nach Schulschluss ebenfalls bei der Landarbeit helfen müssen. Es ist schon ein skurriles Bild, wenn ein 8-jähriger Jungen einen ausgewachsenen Ochsen an der Leine führt. Eine andere Welt eben.

Auf dem Hof angekommen stand uns die Tür zur Küche bereits offen. In der peruanischen Küche sind neben den Familienmitgliedern auch noch kleine Helferlein anzutreffen. Rund um den Herd tummeln sich eine Gruppe Meerschweinchen, die die Küchenreste verzehren. Im Gegensatz zu unseren Kulturkreisen, liegt das Hauptaugenmerk jedoch auf den knackigen Schenklern der kleinen Racker. Sobald sie ein stattliches Gewicht erreicht haben, landen diese nämlich im Ofen und werden anschließend auf Reis serviert. Für uns gab es an diesem Abend aber geröstete Limabohnen, Quinoa-Suppe und Mais mit Käse. Einfach, aber äußerst schmackhaft. Sobald die Sonne untergegangen war, wurden Kerzen an die Lehmwände gedrückt, um etwas Licht zu haben. Die Stromversorgung funktionierte nur mangelhaft bis ungenügend. Nach dem Essen kamen die Kinder und Männer aus den Nachbarshöfen ebenfalls zu uns in die Küche. Einer der Porter spielte auf einem der Harfe sehr ähnlichen Instrument traditionell andine Musik und die Kinder zeigten uns wie man mit ihnen dazu tanzt. Genau mein Ding! Es war, als würde man in eine völlig andere Welt eintauchen. All die Wohlstandsprobleme aus unserer Welt waren für einen Moment vergessen. Dieser Tag wird mir sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben und ich bin froh, dass wir die Chance bekommen haben einen Einblick in diese völlig andere Lebensweise zu bekommen.

 

Inca Trail

Nach einem Frühstück im Porter Village ging es mit dem Bus weiter zum Beginn des Inca Trails – KM82, irgendwo in den peruanischen Anden. Hier sahen wir zum ersten Mal das gesamte Ausmaß dessen, was in den nächsten Tagen auf uns zukommen werden würde. Von unserer Agentur starteten insgesamt elf Touristen und zwei Guides. Hinzu kamen 17 Porter inkl. Chefkoch und Kellner, die für Kost und Logie zuständig waren. Dazu zählen sowohl unsere Zelte als auch separate Koch- und Speisezelte sowie Gasflaschen, mobile Toiletten und Verpflegung für die insgesamt 30 Personen – eine ungeheure Menge an Zeug. Dementsprechend bepackt starteten die Porter mit durchschnittlich 25kg auf dem Rücken in Richtung unseres ersten Base Camps. Im Vergleich dazu erschienen unsere 10-12kg leichten Rucksäcke wie Spielzeug. Aufgrund des großen Touristenansturms in den letzten Jahren hat die peruanische Regierung den Inca Trail stark reglementiert. So dürfen pro Tag nicht mehr als 200 Touristen in Richtung Machu Picchu aufbrechen. Weiterhin darf man den Trail nicht mehr auf eigene Faust unternehmen sondern muss diesen über einen Touranbieter buchen, welcher eine entsprechende Anzahl lokaler Porter engagiert – Perus Antwort auf nachhaltigen Tourismus.

Von der Passkontrolle ging es zu den ersten Ruinen und weiter zum Mittagspausenplatz. Allein die Tatsache, dass es etwas Warmes zum Mittag geben sollte, war für mich eine komplett neue Erfahrung. Während des Trekkings in Patagonien beschränkte sich das „Mittagessen“ auf eine 200g leichte Tüte voller Nüsse und Trockenobst. Was mich allerdings hier erwartete war nicht von dieser Welt. Während wir gemütlich ins Essenszelt eintrudelten, hatten die Porter bereits ein 5-Gänge-Menü für uns vorbereitet. Wir konnten unseren Augen nicht trauen als wir sahen, was uns hier serviert wurde: frischer Fisch, gefüllte Avokado und Götterspeise, um nur ein paar Appetithäppchen zu nennen. Es war zu schön um wahr zu sein.

Mit vollen Mägen ging es dann weiter zum ersten Base Camp. Dabei gingen wir weder besonders schnell noch langsam. Trotzdem schafften es die Porter, nachdem sie nach uns den Mittagspausenplatz aufräumen und abbauen mussten, vor uns dort zu sein und bereits alle Zelte aufzubauen. Als weiteres Schmankerl servierten sie uns außerdem frischen Kokatee und Cracker – die sogenannte „Happy Hour“. Ich fühlte mich schon fast schlecht bei so viel Luxus. Nur Lisa und Damiano konnten den Trail bisher noch nicht in vollen Zügen genießen, da die verbrannten Füße bzw. Schultern noch zu stark auf’s Gemüt schlugen.

Ähnlich pompös ging es am nächsten Tag mit dem Frühstück weiter. Das war auch nötig, denn vor uns lag die schwerste Etappe des Trails. Zur Passüberquerung auf 4.215m Höhe mussten mehr als 1200 Höhenmeter Aufstieg und rund weitere 600 Höhenmeter für den Abstieg zurückgelegt werden und bekanntlich wird die Luft auf dieser Höhe ziemlich dünne – zumindest für den Durchschnittstouristen. Während wir uns Schritt für Schritt dem Pass näherten, rauschten die Porter mit ihren Sandalen nur so an uns vorbei. Spätestens jetzt war klar, dass sie nicht von dieser Welt stammen können. Irgendwann hatten wir es aber auch geschafft und glücklich schauten wir auf das Tal, welches uns ein atemberaubendes Panorama offenbarte.

Am dritten und wohl schönsten Tag des Trails nähersten wir uns allmählich der heiligen Inca-Stadt Machu Picchu. Von unserem beeindruckenden Mittagspausenplatz konnten wir bereits die Berge erspähen, die die Ruinen umgeben. Entlang des Bergkammes passierten wir etliche Ruinen, die mehr oder weniger gut freigelegt waren. Bei diesen Aussichten spielten Zeit und Kilometer plötzlich keine Rolle mehr. Ich hätte ewig weiterlaufen können. Kurz vor dem Erreichen unseres letztem Base Camps setzte plötzlich Regen ein – wir waren nun aber auch im Regenwald angekommen. Jetzt wollte uns die Natur endgültig zeigen was sie drauf hat. In windeseile bildeten sich vor uns Wolkenformationen, die an den hohen Bergen nach oben zogen. Ein beeindruckendes Schauspiel mit der Konsequenz, dass all unsere Sachen klatschnass waren. Ein Versuch diese im Zelt bei nahezu 100% Luftfeuchtigkeit zu trocknen, scheiterte kläglich. Aber nicht so wild, es war die letzte Nacht auf dem Inca Trail. Zum krönenden Abschluss kredenzte uns der Chefkoch noch eine Erdbeertorte. Wie er dies allein mit einem Gaskocher auf rund 3.000m hinbekommen hatte, ist mir bis heute ein Rätsel.

 

Machu Picchu

Vom letzten Base Camp trennten uns nur noch 6km von Machu Picchu. Um möglichst früh in den Ruinen zu sein, stellten wir uns den Wecker auf 3:30 Uhr. Als es schließlich soweit war servierten uns die Porter bereits warmen Kokatee direkt ans Zelt. Nachdem die Sachen gepackt waren ging es zum letzten Checkpoint kurz hinter dem Zeltplatz – geschlossen. Erst um 5:30 öffnen sich seine Pforten. Warum sind wir eigentlich so zeitig aufgestanden um nun noch 1h vor dem verschlossenen Gate zu stehen? Unglücklicherweise hatte einer der Guides die „Best of 90’s“ Collection auf seinem Handy, sodass die Wartezeit dank „Rhythm is a Dancer“ und weiterer Klassiker endlos in die Länge gezogen wurde. Als sich das Tor dann doch noch öffnete, ging es im Gänsemarsch zum Sun Gate, von wo aus man bereits auf Machu Picchu und die schlangestehenden Tagestouristen blicken konnte. Nachdem auf den Erfolg angestoßen und ein letztes Gruppenbild gemacht wurde, ging es hinunter in die Stadt. Nach einer kurzen Pause versuchte AC uns allerhand Wissenswertes über Machu Picchu zu vermitteln und ging mit uns von Gebäude zu Gebäude. Doch die letzten Tage und das Schlafdezit der letzten Nacht hatten seine Spuren hinterlassen. Die Luft war raus und es fiel schwer, den Wortes des Guides zu folgen. Der plötzlich einsetzende Regen führte schlussendlich dazu, dass wir Machu Picchu verlassen mussten und uns in die nahegelegene Stadt Aguas Calientes flüchteten.

Ihren Namen verdankt die Stadt den angrenzenden heißen Quellen, die wir schon von weiten haben rufen hören. Nach 4 Tagen Trekking, viel Schweiß und ausschließlich kalten Duschen klang es zu verlockend um wahr zu sein. Wenige Minuten nach unserer Ankunft im Hostel, lagen wir mit unseren Badesachen in einem der heißen Becken und belohnten uns für unsere Anstrengungen mit einem Pisco Sour – dem Nationalgetränk Perus. Zufrieden und erleichtert blickten wir zurück auf die vergangenen Tage.

Doch an Erholung war noch nicht zu denken. Am darauffolgenden Tag ging es erneut nach Machu Picchu um den gleichnamigen Berg zu besteigen. Obwohl die Knie nicht mehr so recht wollten, mussten wir da jetzt durch. Es ging endlose Stufen steil nach oben. Am Gipfel angekommen konnten wir noch einen kurzen Blick auf die Ruinen werfen bevor plötzlich Regen einsetzte. Die Stadt verschwand in einem Wolkenmeer. Von der anderen Seite des Berges konnten wir jedoch auf den Trail samt seiner Gipfel und Täler zurückblicken, was uns mit Stolz erfüllte. Pünktlich zurück im Tal angekommen klarte der Himmel auf und es regnete den restlichen Tag keinen Tropfen mehr.

Nachdem wir noch etwas Zeit ohne Guide in den Ruinen verbracht hatten, traten wir den Rückweg nach Cuzco an. Mit dem Panorama-Zug, der bereits zum Start des Trails an uns vorbeifuhr, ging es zunächst nach Ollantayrambo und anschließend mit dem Bus zurück nach Cuzco. Wir blickten zurück auf die wunderschönen Eindrücke und Erlebnisse der letzten Tage.

 

Fazit

Der Inca Trail an sich ist so eine Sache. Er ist überlaufen, verdammt teuer und muss weit im Voraus gebucht werden, was die Flexibilität während des Reisens stark beeinflusst. Diesen Termin will man nicht sausen lassen. Doch ist er all dies Wert? Zunächst einmal kann ich sagen, dass der Inca Trail im Vergleich zu den Treks in Patagonien unterschiedlicher nicht sein kann. Während wir in Patagonien all unser Zeltequipment und Essen selber tragen mussten, übernahmen das dieses Mal unzählige Porter. Aber die Bedingungen waren nicht vergleichbar. Wir waren dieses Mal zwischen 2.500-3.000m höher unterwegs, die Luft war entsprechend dünner und die Luftfeuchtigkeit stieg von Tag zu Tag. Ein weiterer Unterschied war die Wasserversorgung. Während wir in Patagonien permanenten Zugriff auf frisches trinkbares Gletscherwasser hatten, war das Wasser in Peru für den europäischen Magen nicht verträglich.

Die Tatsache, dass der Inca Trail nur mit einem autorisierten Touranbieter durchgeführt werden kann ist sinnvoll und richtig. Dies gewährleistet einerseits, dass die lokalen Communities vom Tourismus profitieren und stellt andererseits sicher, dass die Natur nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Es darf nur an vorher festgelegten Plätzen gekocht und übernachtet werden und an den Checkpoints wird überprüft, dass kein Müll zurückgelassen und dieser sauber getrennt wird. Nimmt man all dies zusammen, so versteht man auch, warum die Regierung den Trail auf 200 Touristen pro Tag beschränkt hat. Dies ist wohl die einzige Möglichkeit dieses Andenjuwel nachhaltig zu erhalten. Auch der Preis ist allemal gerechtfertigt, wenn man überlegt, was die Porter hier Tag für Tag leisten.

Insgesamt war der Inca Trail eine einmalige Erfahrung, auf die ich wohl noch lange zurückblicken werde.

One Comment on “Mes quatro – el Camino Inca”

  1. Hallo Alex, viele Grüße aus der Heimat sendet dir Frau Blache! Ich habe gerade deinen Bericht gelesen, die Bilder betrachtet und kann nur sagen -Glückwunsch zu dieser Reise, für diesen Mut und ich beneide dich!!!!!! Ich wünsche dir und deiner Truppe noch wunderschöne Stunden, Tage, Monate – genießt die Eindrücke und bleibt gesund! LG Frau Blache (der Bart steht dir gut – grins)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert