Mes seis – hasta Huaraz

Nachdem wir die Kuriositäten von La Paz gesehen hatten ging es wieder im Bulli weiter. Das mittelfristige Ziel: Huaraz, Peru. Doch der Weg dorthin war äußerst abwechslungs- und ereignisreich.

 

Copacabana

Da ich mir in La Paz schon wieder eine Darminfektion eingefangen hatte, musste ich die Fahrt aus der Stadt im hinteren Teil des Bullis absolvieren. Zielsicher steuerte Damiano den Bus in Richtung Copacabana. Hä? Nach Brasilien? Nope, in Peru gibt es einen Küstenstreifen am Titicacasee, der sich genauso nennt. Hintergrund unseres Stopps dort war ein Ausflug zur Isla del Sol (dt. „Sonneninsel“), welche einige Südamerikareisende als das Highlight ihrer ganzen Reise beschrieben. Die Erwartungen lagen also hoch. Die Fahrt dorthin soll wirklich schön gewesen sein. Leider kann ich das nicht bestätigen, da meine Kraft nicht einmal dazu gereicht hatte, um aus dem Fenster zu schauen. Die Bilder sprechen aber für sich.

Nach einer Nacht im Hotel wollten wir gleich die erste Fähre auf die besagte Insel nehmen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl stieg ich auf das Boot – immerhin war bei mir immer noch Alarmstufe rot und das Boot hatte keine Toilette. Damiano versuchte mir Mut zu machen und sagte, dass er gehört habe, dass die Fahrt nur 10min dauern soll. Geht ja noch! Als sich das völlig überladene Boot in Bewegung setzte, musste ich erfahren, dass die Überfahrt rund 2h (!) dauert. OK – jetzt darf nichts schief gehen. Mit Schweißperlen auf der Stirn schaffte ich es tatsächlich in den sicheren Hafen, die Toilette bereits in Sicht. Doch plötzlich hieß es Schlangestehen auf dem Steg. Eine Eintrittsgebühr für die Insel war fällig und eine Gruppe Backpacker weigerte sich diese zu bezahlen, was in einer heftigen Diskussion mündete. Es war Not am Mann, die Minuten kamen mir endlos vor. Nach und nach löste sich die Schlange dann aber doch noch auf und ich konnte tun, was ich tun musste.

Nachdem meine Bedürfnisse befriedigt waren und wir in unserer Absteige eingecheckt hatten brachen wir auf zu einer Wanderung über den Nordteil der Insel. Mittlerweile ging es mir auch wieder etwas besser und ich konnte die wahnsinnig schöne Landschaft genießen. Die Wanderung führte durch indigene Dörfer, vorbei an Inka-Ruinen und entlang terrassenförmiger Felder. Am Horizont waren stets die schneebedeckten Anden zu sehen. Das Ganze dann auch noch während des Sonnenuntergangs – eine Augenweide! Die Überfahrt hatte sich gelohnt.

Am nächsten Morgen ging es gleich mit dem ersten Schiff zurück aufs Festland, denn der Tag des Abschieds war gekommen. Nach knapp drei Monaten gemeinsam in Südamerika musste Damiano seinen Rückflug antreten. Die Bootsfahrt war ähnlich schweißtreibend wie schon am Tag zuvor. Während Damiano seine Sachen packte vegetierte ich im Stuhl nur so vor mich hin. Obwohl ich Damiano eigentlich zum Bus-Terminal begleiten wollte, entschloss ich mich ein Taxi ins Krankenhaus zu nehmen, da sich mein Zustand über die letzten Tage nicht verbesserte hatte. Dieses verdammte bolivianische Essen! Im Krankenhaus gab man mir nach kurzer Untersuchung Antibiotika und Rehydrationslösungen, damit ich wieder zu Kräften komme. Mental stellte ich mich bereits auf eine horrende Rechnung ein, doch ich zahlte lächerliche 7,50 EUR. Ein Hoch auf das bolivianische Gesundheitssystem! Wenigstens ein Lichtblick an einem ansonsten recht bescheidenen Tag. Zurück im Hotel angekommen und nach sechs Monaten zum ersten Mal allein auf meiner Reise, ließ ich den Abend mit einer Folge Dexter und Tatort ausklingen.

In der Hoffnung, dass sich mein Gesundheitszustand dank der Medikamente  schnell verbessert, bereitete ich mich auf eine Abfahrt am Folgetag vor. Da die erhoffte Besserung jedoch nicht eintrat, verlängerte ich meinem Aufenthalt in dem wirklich schönen Hotel um eine weitere Nacht. Das Ganze musste ich insgesamt 4x wiederholen. An der Rezeption lachte man schon, als man mich Morgen für Morgen kommen sah. Sie wussten, was das bedeutet. Mein verlängerter Aufenthalt hatte aber auch etwas Gutes, denn so lernte ich eine Nomadenfamilie aus Australien kennen, die bereits seit über 20 Jahren durch die Welt reisen – mittlerweile auch mit ihrer 4jährigen Tochter, die mich mit ihrem fundierten Wissen über VW Westfalias einfach nur verblüffte. Hier wächst ein neuer Overlander heran! Die Abende verbrachten wir mit gemeinsamen Abendessen am Kamin während sie ihre Stories erzählten – und davon gab es viele. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns wiedersehen!

 

On the Road

Nachdem ich insgesamt eine Woche in dem Hotel ausharren musste, konnte ich meine Reise letztendlich doch fortsetzen. Mein Visum für Bolivien war jedoch mittlerweile abgelaufen – das riecht nach Ärger am Grenzübergang. An der Grenze angekommen konnte ich erstaunlicherweise problemlos aus Bolivien auschecken. Für die Tage, die ich mein Visum überzogen hatte, gab es eine festgesetzte Gebühr, die umgerechnet nur ein paar Euro waren. Bei der Weiterfahrt nach Peru witterte ein anderer Grenzbeamter jedoch seine Chance und verlangte von mir Geld, damit er die Schranke öffnet. Da es sich nur um ein paar Euro handelte bezahlte ich zähneknirschend – immerhin musste ich etwas Zeit aufholen. Der nächste Schock wartete dann prompt auf der anderen Seite der Brücke: der peruanische Zoll! Die Einreise meiner Person war kein Problem, allerdings waren die Papiere des Bullies nicht in Ordnung. Das Auto wurde nicht ordnungsgemäß abgemeldet, als ich einige Wochen zuvor von Peru nach Chile ausgereist war. Was genau schief gelaufen war ließ sich nicht mehr feststellen. Dafür hatten wir jetzt aber ein handfestes Problem, denn das Auto konnte nicht mehr „einreisen“, da es sich bereits im Land befindet – zumindest glaubt das der Computer. Nach ewigen hin und her und Diskussionen mit dem Chef des Zöllners konnten wir auch dieses Problem gegen ein weiteres Bestechungsgeld lösen. Die zweite Schmiergeldzahlung innerhalb von weniger als einer Stunde. Der Trip geht ja gut los!

Nachdem ich an der Grenze einiges an Zeit verloren hatte, beschloss ich in der ersten Stadt auf peruanischer Seite zu übernachten. Am nächsten Tag brach ich zeitig auf, denn ich wollte es bis an die Küste schaffen. Vor mir lagen rund 500km. Klingt machbar – wenn da nicht die Anden dazwischen wären. Die Fahrt dauerte, nicht zuletzt dank unzähliger Polizeikontrollen, rund 10h. Völlig erledigt kehrte ich in einer Unterkunft direkt an der Panamericana ein. Nicht schön aber immerhin gab es Abendessen und eine Dusche. Am darauffolgenden Tag wollte ich Ica erreichen – die Stadt in der ich gute einen Monat zuvor bereits viel Spaß beim Sandboarden hatte. Ein weiterer Tag am Steuer stand an. Kurz bevor ich die Nazca-Linien zum Sonnenuntergang erreichte, tauchte vor mir plötzlich ein anderer Bulli mit argentinischen Kennzeichen auf. Wir verständigten uns mit Warnblinklicht und ich folgte ihm auf den Parkplatz von einer der Nazca-Linien, wo wir uns zusammen den Sonnenuntergang anschauten. Eine weitere Stunde später erreichte ich dann Ica oder besser gesagt die Wüstenoase Huacachina. Der in der Karte verzeichnete Campingplatz erwies sich als Hinterhof einer Diskothek. „Es ist ja nur für eine Nacht“, dachte ich mir und ließ die nervige Musik über mich ergehen.

Am nächsten Morgen hielt ich Ausschau nach einem Ort, an dem es guten Kaffee gab um dort auf meine neuen Bulli-Mitbewohner zu warten. In einem Hostel wurde ich fündig, wo ich kurz darauf auf Jess&Jess traf. Eine der beiden Jesses hatte mich während unserer Uyuni-Tour an der Laguna Colorada angequatscht, da sie nicht glauben konnte, dass wir es mit unserem Van bis dorthin geschafft hatten. Ich hatte ihr die Adresse meines Blogs gegeben und einige Zeit später bekam ich eine Nachricht von ihr. Wir schrieben ein paar Mal hin und her und stellten fest, dass wir in etwa dieselbe Route vor uns haben. Also beschlossen wir kurzerhand gemeinsam im Bulli zu reisen – keine Ahnung ob das funktioniert oder nicht. Keine 10min nachdem wir uns getroffen hatten saß ich bereits mit den beiden australischen Mädels im Bulli und wir fuhren zum nächsten Supermarkt um Lebensmittel für die nächsten Tage zu besorgen. Und das ging überraschend reibungslos. Sogar ein Glas Nutella fand Platz in unserem Einkaufskorb. Mit den Mädels kann man reisen! Wie oft hatte ich schon endlose Diskussionen im Supermarkt über die Dinge die (nicht) gekauft werden dürfen. Mit einer prall gefüllten Vorratskiste ging es ab zum Strand.

Nachdem die kritischen ersten 24 Stunden gemeinsamen Reisens überstanden waren und das erste Pancake-Frühstück hinter uns lag, stand fest, dass das der Beginn eines wunderbaren Road Trips werden würde. Sorgenfrei fuhren wir auf der Panamericana in Richtung Norden und zelteten an den Stränden kleiner Fischerdörfchen. Kurz vor Lima holte uns jedoch die peruanische Polizeiwillkür ein, die ich fast verdrängt hatte. Wir wurden aus dem Verkehr gezogen und der Mann in Uniform erklärte uns, dass wir eine Strafe zahlen müssten, da einer unserer Scheinwerfer nicht ordnungsgemäß funktionierte. Er wollte uns eine Strafe von rund 350 USD aufdrücken. So sagt es zumindest sein schlaues Buch, in dem alle Verkehrsdelikte mit einem Geldbetrag versehen sind. Ich erklärte ihm, dass ich nicht so viel Geld dabei habe und er reduzierte daraufhin den Betrag auf rund 100 USD. Die Scheine, die ich ihm in die Hand drückte, wanderten direkt in seine Hosentasche. Nicht schon wieder! Einerseits froh darüber nicht den vollen Betrag zahlen zu müssen, ärgerte ich mich andererseits so viel Geld einem korrupten Polizisten gegeben zu haben. Als pflichtbewusster Verkehrsteilnehmer fuhr ich natürlich umgehend zum nächsten VW-Teile-Händler, um mir einen funktionieren Scheinwerfer zu kaufen. Mit Hilfe von Jess&Jess wechselten wir vor Ort den defekten Scheinwerfer und es konnte weiter in Richtung Norden gehen. Drei Stunden Aufenthalt in Lima waren mehr als genug – wir wollten wieder an den Strand. Am Ortsausgang Limas dann der nächste Schock – beide Scheinwerfer und Rückleuchten haben komplett versagt. Gar nicht gut, um damit nach Sonnenuntergang auf dem Highway zu fahren. Also stoppten wir am Straßenrand, um zu schauen, ob wir das Problem selbst lösen können. Während wir am Sicherungskasten des Bullis rumfriemelten wurde auf der Gegenseite auf ein Taxi geschossen, welches mit platten Reifen in entgegengesetzter Fahrtrichtung über den Highway flüchtete. Wir sollten hier schleunigst verschwinden! Zufälligerweise hielten wir direkt neben einem Elektriker, der das Problem kurzerhand erledigen konnte, sodass wir Lima endgültig entfliehen konnten.

Auf unserem weiteren Weg nach Huaraz mussten wir an jeder Polizeikontrolle anhalten – und davon gab es einige! Der Highscore lag bei drei Kontrollen auf weniger als 2km Strecke. Und dabei wollten sie alle nur das eine: unser Geld. Dafür war ihnen auch kein Vorwand zu peinlich. Ein Beamter verwies auf den fehlenden Sicherheitsgurt beim Mittelsitz und das, obwohl neben uns ein Laster mit mind. 5 Personen auf der Ladefläche fuhr. Er zeigt uns wieder das Buch und wir verhandelten über unsere Strafe. Dieses Mal gaben wir uns noch geschlagen und zahlen ein paar USD. Den Sicherheitsgurt simulierten wir fortan durch den Gurt einer Umhängetasche. Nun gab es aber wirklich nichts mehr zu beanstanden – dachten wir. Der nächste Beamte bemängelte die fehlenden Reflektorstreifen am Bulli. Ein anderer meinte, dass ich für den Bulli einen Busführerschein brauche und ein dritter wollte mir eine Strafe aufbrummen, da ich keinen zweiten Nachnamen habe – wie es hier in Südamerika so üblich ist. Mittlerweile hatten wir aber die Regeln des Spiels verstanden und gleichzeitig wurde unsere Verhandlungstaktik immer ausgefeilter, sodass wir alle folgenden Kontrollen ohne weitere Schmiergelder passieren konnten. Und so erreichten wir dann doch noch Huaraz.

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