

Nach einem Frühstück wollten Jule, René und ich auf eine Art Kunsthandwerksmarkt in San Telmo, Buenos Aires. Kurz nach Verlassen das Cafés wurden wir von einem vorbeilaufenden Mann mit den Worten „Hey, do you speak English?“ angesprochen. Der Mann hieß Jeroem, war um die 40, hatte auffällig blaue Augen und einen wohlgeformten Bierbauch. Als sich herausstellte, dass er nicht nur Englisch sondern auch Deutsch und Holländisch sprechen konnte, begannen er und René zunächst auf holländisch zu sprechen. Nichtsdestotrotz erzählt er uns seine Geschichte freundlicherweise noch einmal auf Deutsch nachdem er mehrfach betont hat wie sehr genervt er von der Stadt ist. Und die war wie folgt:
Er kam letzte Nacht aus Chile mit dem Bus nach Buenos Aires. Als er hier ankam fragten ihn Jugendliche nach einer Zigarette. Dabei warfen sie ihn zu Boden und klauten seinen Rucksack inkl. Geld, Kreditkarten und Reisepass. Sichtlich benommen zeigt er uns seine Wunden von dem Sturz. Die Jugendlichen hätten sogar ein Spray eingesetzt was seine roten Augen erkläre. Ohne Pass und Geld sei er nun durch die Stadt geirrt um zur holländischen Botschaft zu gelangen, die heute am Sonntag jedoch geschlossen sei. Er erzählt weiter, dass er bereits bei der Polizei war und nun nicht weiß wo er die kommende Nacht schlafen soll. Auf unser Nachfragen hin steigert er sich immer mehr in seine Geschichte hinein. Er sagt, er sei bereits seit 6 Monaten unterwegs und hat seinen Rückflug für in 6 Wochen gebucht, allerdings hat er diesen bereits umbuchen können und braucht nur noch den vorübergehenden Pass der Botschaft damit er das Land verlassen kann. Auf jede unsere Fragen hatte er eine passende und glaubwürdige Antwort.
Soweit so gut. Diese Art von Stories hört man oft genug und man sollte wissen, dass es genug Gauner auf der Welt gibt die nichts als Geld wollen. Außerdem würde ich uns als wenig naiv beschreiben die stets mit einer gewissen Portion Skepsis an solche Situationen herangehen. Je länger wir mit ihm sprachen desto emotionaler wurde die Situation. Er sprach von seinem Vater, der uns umgehend Geld überweisen würde. Er fragt nach unseren Namen und Emailadressen. Ich würde sogar davon sprechen, dass eine gewisse Vertrautheit entstanden war. Jule fragte ihn sogar noch, ob es OK wäre, wenn sie ein Foto von ihm machen würde (sie arbeitet derzeit an ihren Foto-Skills). Während wir jedoch mit ihm sprachen verwies er (!) mehrfach darauf, dass Jule nicht sonderlich angetan von seiner Story ist und ihn mit einem skeptischen Blick beäugt. Ich habe jedoch versucht mich in seine Lage zu versetzen und wäre an seiner Stelle froh gewesen, wenn mir jemand mit ein paar Pesos hätte aushelfen können. Ich denke René ging es genauso. Kurz zuvor hatte er uns noch erzählt wie gut er als Detective Menschen und im Speziellen Kriminelle erkennen kann. „Man sieht es in ihren Augen“. Blöd nur, dass diese vom Spray komplett rot angelaufen waren. Als wir (ich gebe zu, ich war es) ihm dann schließlich 100 Pesos (umgerechnet ca. 8 EUR) in die Hand drückten war er sichtlich gerührt und hatte Tränen in den Augen. Wir fühlten uns gut einem offensichtlich hilflosen Mann etwas Gutes getan zu haben.
Nachdem die Situation vorüber und Jeroem verschwunden war schauten wir uns an und rekapitulierten was passiert war. Jule mir ihrem geschärften Blick hat sofort erkannt, dass die Wunden die er uns gezeigt hatte alles andere als Frisch waren. Außerdem hatte sie klare Anzeichen von Alkoholismus erkannt. Außerdem erinnerte sie sich an eine Story aus dem Internet wo Touristen von einem Holländer berichtet hatten, der behauptet, er sei überfallen worden. Wir stellten einige seiner Aussagen in Frage und versuchten Fehler in seiner Geschichte zu finden. Es hat alles gepasst. Die Begegnung hat uns noch die nächsten Stunden beschäftigt. René gab mir einen frisch gepressten Orangensaft aus als Zeichen meiner Solidarität gegenüber seinem Landsmann. Bis zum Schluss waren René und ich davon überzeugt, dass seine Geschichte und seine Emotionen echt waren. Als wir einige Stunden später zu Hause angekommen waren suchte ich bei Google nach „dutch buenos aires story“ und wurde relativ fündig. Der Typ ist verdammt gut in dem was er tut und erzählt diese Geschichte mit einigen kleinen Änderungen bereits seit über 4 (!) Jahren in verschiedenen Städten Argentiniens.
Ein herber Rückschlag für das Deutsch-Holländische-Freundschaftsverhältnis.
Was ist nun aber das interessanteste an der Story? Das wir trotz aller Skepsis auf diesen steinalten Trick reingefallen sind? Seine überragenden schauspielerischen Fähigkeiten? Dass es ausgerechnet ein Holländer war, der einen holländischen Polizisten in Argentinien abzockt? Dass Jule es von Anfang an gewusst und Fotos davon gemacht hat? Dass wir uns noch Stunden danach gefragt haben ob es nun echt oder Fake war?
Wie auch immer – er wird uns in Erinnerung bleiben und seine Performance und Kreativität waren mir am Ende 8 EUR wert. Ich hoffe ich sehe ihn noch einmal um mit ihm ein Bier trinken zu können. Mich interessiert wie viel Geld er mit dieser Masche bereits verdient hat. Die Chancen stehen gut, in der Sprachschule haben auch andere Studenten von einer Begegnung mit ihm berichtet.
Hier ein paar Zitate von anderen Travellern die ebenfalls das Vergnügen hatten auf ihn reingefallen zu sein:
Source: http://www.virtualtourist.com/travel/South_America/Argentina/Provincia_de_Mendoza/Mendoza-1537521/Warnings_or_Dangers-Mendoza-TG-C-1.html
Ich liebe diese Geschichte 🙂
Der muss ja wirklich überzeugend gewesen sein! Aber waren die Augen nun auffällig blau oder rot?
Echt irre…
Beeindruckend finde ich, dass du den wiedersehen willst, der dich abgezockt hat, um bei einem Bier mehr über ihn zu erfahren. 🙂